How to Discuss
Wer kennt es nicht? Jemand stößt eine politische Diskussion an, und man selbst weiß dem Gespräch nichts vergleichbar kluges hinzuzufügen. Die Anatomie einer ausgewogenen Debatte ist jedoch wesentlich unkomplizierter, als man zunächst einmal annehmen mag. Der folgende Artikel sei demzufolge als ein Plädoyer dafür zu lesen, sich nicht davor fürchten zu müssen, zu einem bestimmten Thema keine Meinung zu haben. Mit Norbert Elias, einem der einflussreichsten Soziologen, ließe sich ein Argumentationsratgeber folgendermaßen einleiten:
Kippele (1998): Individualisierung bei Norbert Elias. In: diess. 1998:
131 – 150.
Diese simple aber wichtige Feststellung sollte zum Credo des kommunikativen Miteinanders avancieren. Denn was selbst für die Geisteswissenschaften mittlerweile einigermaßen zur Selbstverständlichkeit geworden ist, stößt im alltagsweltlichen Meinungsaustausch schnell an seine Grenzen. Vor allem in politischen Debatten, sei es am Stammtisch oder bei Plasberg, bekommt die Gesprächskultur eine parteiideologische Färbung. Sie folgt Idealen. Argumente des Gegenübers werden in violette, rote, schwarze, grüne oder gelbe Farbeimerchen getunkt und als Gegenargumente artikuliert. Zwar ist der gelbe Farbtopf fast leer. Doch wird es immer Kollektive geben, an denen der Mensch in seiner Suche nach Argumenten anknüpfen kann.
So rekurriert der Pöbel am Stammtisch viel zu oft auf vorformulierte Argumente, ohne sie einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. “Sie werden schon stimmen, schließlich kommen sie aus dem selben Farbeimer, der damals die Energiewende einleitete und die muss ja richtig gewesen sein, wenn selbst der politische Gegner zum selben Schluss kommt”. Dieses Phänomen führt tendenziell dazu, dass sich Individuen viel weniger trauen, zu einem spezifischen Thema keine spezifische Meinung zu haben, auch wenn es sie schlichtweg nicht interessiert. Denn der Lieblingspolitiker aus der Lieblingspartei weiß schließlich auch auf alles eine Antwort. Er rekurriert auf die Meinung seiner Parteigenossen. Wie sollen sie sich auch irren, wenn sie unter dem selben ideologischen Schirm stehen? Nun sind Politiker zu einem Gutteil ihrer Selbst auch Schauspieler. Sie müssen die Diskrepanz aushalten, die entsteht, wenn sie ein parteipolitisches Argument wiederkäuen, obschon sie wissen, dass sie selbst eigentlich dieses Argument, sei es aus Zeitmangel, nicht eingehend auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft haben. Sie wissen nicht, ob das Argument, das sie gerade kommunizieren, tatsächlich der Wirklichkeit entspricht. Zwar wäre es dumm, Politikern Allwissenheit abzuverlangen, doch das Schauspiel besteht darin, dass es paradoxerweise nichts gibt, zu dem ein Politiker, nach seiner Meinung gefragt, keine Antwort zu geben weiß. Die medienwirksame Parteipolitik als Schauspiel, wo die Möglichkeit des Rückgriffs auf ein vorformuliertes Argumentenarsenal stets gegeben ist.
Wie bereits erwähnt, resultiert daraus die Angst beim Pöbel, sich mit Argumentationslosigkeit zu blamieren inmitten einer doch so hochinformierten Gesellschaft. Das ist meines Erachtens der Grund dafür, dass ein Individuum lieber seiner Argumentation einen farbigen Anstrich verleiht, als sich sein Unvermögen einzugestehen, seinem Gegenüber vor Ratlosigkeit nichts entgegnen zu können. Nimmt man sich das Credo Norbert Elias zu Herzen, sei es also durchaus legitim, zu einem Thema auch mal keine Meinung zu haben. Denn auch Politiker sind nicht allwissend - zumindest nicht solange nicht die Philosophenherrschaft Platons Einzug in das Berliner Schauspielhaus gefunden hat!
