Dr. Fußmarsch, oder wie ich lernte, das Schuhwerk zu lieben

Gestern war es zum ersten Mal soweit, nachdem ich den Gedanken nun schon eine gefühlte Ewigkeit mit mir rumtrage. Bisher fehlte dieser berühmte letzte Funke, der bekanntlich überspringen muss, um Pläne nicht nur Pläne bleiben zu lassen. Sich den Rucksack umschwingen, loslaufen und schließlich irgendwo ein Nachtquartier aufschlagen. Das war mein persönlicher Sysiphusgedanke, dessen Umsetzung immer an irgendeiner letzten Hürde scheiterte. An diesem gestrigen Tag erreichte mich wieder einmal dieser leise Ruf der Freiheit, der Natur, ich möge mich doch bitte endlich überwinden. Was mich dann aber schließlich dazu bewegt hat, tatsächlich diesem Ruf zu folgen weiß ich nicht. Möglicherweise waren es die außerordentlich schwierigen Umstände der Situation. Den ganzen Samstag habe ich damit zugebracht, meinem Onkel auf der Baustelle zur Hand zu gehen. Außerdem war es mittlerweile 20 Uhr und es goß in Strömen. Nichtsdestotrotz wollte ich es mir nicht nehmen lassen, diesmal wirklich aufzubrechen, nicht heute. Meinen Rucksack musste ich schnell beladen, nicht dass mir doch noch irgendeine billige Ausrede in den Sinn kam. Keine zehn Minuten später ließen wir die wohlige Heimat hinter uns – ich und eine wasserdichte Plane, Schlafsack, Wasser, Musik, Taschenlampe und noch trockene Nachtbekleidung. Zielort sollte der Rothsee gewesen sein, den ich 15 Kilometer und vier Stunden Fußmarsch später auch erreichte. Gnädigerweise halfen mir, nach gut einem Drittel des Weges, Armadas von Glühwürmchen die prekäre Spur zu halten – dem Wald sei Dank. Was für ein Abenteuer, stolz wie Oskar, zwar nass aber was soll’s. Ein kleiner Baumhain, direkt am Ufer des Rothsees, sollte mir Unterschlupf gewähren – und, nebenbei erwähnt, auch eine ziemlich hektische Begegnung mit dem ortsansässigen Igel bescheren. Was für ein Erlebnis, mein persönliches Jakobsweglein. Am lehrreichsten war insgesamt die Einsicht, welch wundersame Aura einen Wandersmann umgibt, wenn er in die Rolle des Pilgers schlüpft. Mit welch magischer Offenheit und Leichtigkeit der Vorbeiziehende begleitet wird, sowohl was die Empfänglichkeit für Natürliches angeht, als auch das Inkontakttreten mit Anwohnern bei dörfischen Durchreisen. Letzteres hat vermutlich nicht zuletzt damit zu tun, dass die Augen eines Reisenden vor Freiheit und Zufriedenheit geradezu glänzen und möglicherweise sogar ein klein wenig Bewunderung in den Menschen hervorruft. Genauso feurig wie diese Aura brennt nun allerdings auch meine Blase, die sich wie ein Luftkissen unter beiden Füßen ausgebreitet hat. Denn wenn ich es mir recht überlege, war vielleicht doch die Einsicht am lehrreichsten, dass am Schuhwerk definitiv nicht gespart werden sollte. 

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Künstlerherz am Schlagen hält.